Die Medien waren heute sicherlich zu 95% auf die Pro-Guttenberg-Demos fixiert, die sich ja größtenteils als Spaßveranstaltungen (via @netzpolitik) herausstellten (via @metronaut). Dass heute in Chemnitz ein Nazi-Zug genehmigt und durchgeführt wurde, wissen außerhalb von Chemnitz vielleicht noch ein paar Interessierte in der Umgebung, Wolfgang Thierse, aber das wars auch schon. Anlass für den “Chemnitzer Friedenstag” ist der – heuer 66. – Jahrestag der Bombardierung von Chemnitz, den sich die Rechten natürlich nicht entgehen lassen.
Ich als überzeugter Antifaschist war, zusammen mit @akatorasblog und ein paar weiteren Kommilitonen, natürlich bei der Gegen-Demo, ebenso geschätzt 2-3000 weitere Menschen. Marschieren durften die Nazis trotzdem, Sitzblockaden werden von der Polizei gewaltsam und später auch mit Einsatz von Pfefferspray beseitigt. Aber alles zu seiner Zeit. Wie alles aus unserer Sicht abgelaufen ist, befindet sich im Expander.
Startzeiten für die größeren Nicht-Nazi-Kundgebungen waren 10:00 am Theaterplatz, wo sich SPD, JuSos, DGB, Ver.Di, Grüne, und sogar jemand der Front Deutscher Äpfel versammelt hatten. Eine Bühne war aufgebaut, gegen halb zwölf wurden jiddische Lieder vorgesungen. Wirklich seltsam, dieses Jiddisch: Man glaubt was zu verstehen, aber irgendwie doch nicht. Um 11 Uhr ging’s am Nischel los, dort hatte sich die Linke mit einer P.A. niedergelassen, für einen variablen Beitrag bekam man Erbsen- und Nudelsuppe, Tee, Kuchen, Äpfel. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass sich in meiner Jackentasche eine Kamera befand, deshalb gibts keine Bilder.
Um ca. 12 Uhr setzen sich – ehrlichgesagt ziemlich unkoordiniert – Züge von den beiden Kundgebungen in Richtung Stadtbad in Bewegung. Dort angekommen werden wir von der Polizei begrüßt: Wir sollen doch bitte die Straße räumen, sonst würden sie das für uns tun. So stehen ca. 50 Leute auf der Seite des Stadtbads, 150 gegenüber, dazwischen Polizeiwagen und -beamte, die Frau OB Ludwig (Mitte), und noch jemand einigermaßen wichtiges (links davon).
Auf gut Glück laufen wir auf die Straße, an den Menschen im Bild vorbei, werden nicht von der Polizei aufgehalten, und stellten uns zunächst in die Menschenmenge, danach etwas abseits auf den kleinen Hügel am “Forum” mit schöner Sicht auf die Straßenblockade der Polizei. Es sollte noch grüner und noch blauer werden.
Nachdem wir einige Zeit nichtstuend in der Mühlenstraße verbracht hatten, gehen wir zurück zum Karl-Marx-Monument, um uns mit ein bisschen Suppe aufzuwärmen. Ein Polizeihubschrauber fängt an über der Stadt zu kreisen. Seiner Flugbahn nach zu urteilen, fliegt er die Marschroute der Nazis ab: Bahnhof – Georgstraße – Mühlenstraße – Theaterstraße – Bahnhofstraße – Bahnhof. Eine nette Runde ums Stadtzentrum herum.
Gegen 14.30 heißt es, die Nazis würden bald loslaufen, also begeben wir uns zügig zurück zum Stadtbad. Das Polizeiaufgebot ist gestiegen, die Zahl der Demonstranten auch.
Um uns herum sammeln sich Menschen an.
Nazis laufen vorbei, fotografieren uns, werden ausgebuht, die üblichen Parolen (“Nazis raus!”) werden gebrüllt. Die Menschenmasse läuft durchs Zentrum zur Bahnhofstraße – im Nachhinein erfahren wir, dass wir die Zwischenkundgebung der Nazis am Getreidemarkt ungestört haben laufen lassen. Punks und Teile des schwarzen Blocks setzen sich auf die Kreuzung Bahnhofstraße/Zschopauer Straße und werden gewaltsam weggeschafft (s. Video).
Zwar sind wir schneller an der Zentralhaltestelle als die Polizei, doch macht sie die Bahnhofstraße ziemlich schnell dicht. Weitere Sitzblockaden an der Kreuzung Bahnhofstraße/Reitbahnstraße werden mit Einsatz von Pfefferspray aufgelöst (leider keine Aufnahmen). Die Betroffenen waschen sich am Straßenrand die Augen aus, im McDonald’s stehen die Leute an der Scheibe und schauen zu (auch nicht). Ein älterer Herr, der von der Polizei nicht zu seiner Straßenbahn durchgelassen wird, schimpft über die “linken Parolen”, dass sein Gesicht rot wird, ein aggressiver Demonstrant beschimpft ihn als Nazi, eine Dritte schafft es die Situation zu entschärfen (ebenfalls nicht). Weiteres Rumstehen an der “Zenti”, eingeschlossen von der Polizei.
Die Nazis erreichen die Zentralhaltestelle. Schätzungsweise 90% des Polizeiaufgebots hat sich dort versammelt, sperrt die Straße für die Demonstranten, begleitet die Marschierenden.
Die Nazis verlassen die Zentralhaltestelle Richtung Bahnhof. Die Demo löst sich langsam auf. Der ÖPNV fährt wieder. Wir trennen uns und fahren heim.
Billanz des Tages: Ca. 350 Nazis, gefühlt doppelt so viele Polizisten (vier davon auf Pferden!), geschätzt 3000 Gegendemonstranten. Einige Festnahmen, wenige Pfefferspray-Opfer, leider ein erfolgreicher Nazi-Zug. Man sollte sich an Dresden ein Beispiel nehmen.
Was die Bilder und die Gesichter darauf angeht: Bevor rechtliche Schritte eingeleitet werden, würde ich doch bitten, mich unter mustaf@omgunmen.de zu kontaktieren. Ich werde dann alles Nötige unkenntlich machen bzw. entfernen.
Update: Ich hab mich jetzt ja aus reiner Neugier bei triff-chemnitz.de angemeldet, um Mal zu sehen, in welchem Zusammenhang dieser Beitrag hier verlinkt wird. Die Referrer-Zahlen sind für unsere Verhältnisse ja schon recht ungewöhnlich. Jeeeedenfalls. Was ich vielleicht noch hinzufügen sollte: Es wurden Beteiligtenzahlen kritisiert. Nun ist das so. Ich bein kein Journalist. Ich habe da nicht allzu viel Wert auf Korrektheit gelegt. Aber ich dachte, das wird auch aus dem Text heraus einigermaßen klar, durch Formulierungen wie “gefühlt doppelt so viele” und “geschätzt“. Das sind keine offiziellen Zahlen! Die 350 Nazis habe ich so übernommen, wie sie am Nischel durchgesagt wurden, als wir uns zur Mühlenstraße aufmachten. Wieviele es tatsächlich waren, weiß ich nicht. Wieviele Polizisten im Einsatz waren, weiß ich auch nicht. Aber mir kam es vor, als wärs eine Menge. Ebenso die Gegendemonstranten. Ich hab mich jetzt aber auch nicht weiter erkundigt, was die “offiziellen” Zahlen sind. Werde das auch nicht machen. Sondern einfach so stehen lassen.





















Es wäre doch schon schön wenn du alle Gesichter (vorallem bei der Sitzblockade!) unkenntlich machst.
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Ich mein wenn man die Bilder schon so schnell/hochauflösend hochläd kann man das jetz ja auch machen
Sitzblockade, kein Problem. Macht ja doch ein bisschen Sinn. Wobei ich mir da auch denke: Wenns für die Beteiligten rechtliche Konsequenzen gibt, dann werden die das schon mitbekommen haben (10 Sekunden nachdem sie weggezerrt wurden). Und ansonsten lief die Polizei ja auch mit Kameras rum und hat alles schön dokumentiert, da braucht es keine Fotos aus einem Privatarchiv. Achja, apropos Kameras: Bei den restlichen Bildern sehe ich wirklich keinen Grund für Zensur. Schließlich liefen auch Fernsehteams rum. Aber das nur so am Rande.
bei einem solchen einsatz klärt die polizei nicht alles 10 sek. später. d.h. die weggetragen “kommen davon”. außerdem filmt die polizei zwar viel, aber nicht alles. deshalb besser immer verpixeln!
[...] Abseits der Medien – ein Augenzeugenbericht Chemnitz: Das hat gesessen. (AJZ-Demo) [...]